Peter Kurzeck (1943-2013) »Man weiß, dieser Sommer kommt nie zurück«

 Staufenberg auf einem Basaltfelsen, heute Stadt, damals in den 1940er-, 1950er- Jahren ein Dorf, das man nur über eine »mürrische Schotterstraße erreichen konnte«, ein Ort, »in dem man jede Kuh, jede Ziege, und die Hunde sowieso, die Katzen kannte«. Damals sah das Dorf »wie ein Adventskalender« aus. »Die Bevölkerung: Kleinbauern, Handwerker, Eisenhütten- und Ziegelei-Arbeiter, jeder mit seinem überkommenen Achtzehn-Stunden-Tag, um sich hungrig zum Krüppel zu arbeiten vor der Zeit.« Im Sommer zur Lahn zum Baden zu
laufen war für die Kinder einfach, weil es bergab ging, abends auf dem Heimweg jedoch »hat man den Eindruck, man stolpert fast den Rest seines Lebens bergauf«.

 

Wenn Peter Kurzeck, als dreijähriges Flüchtlingskind in Staufenberg bei Gießen gestrandet, in seiner unverkennbar oberhessischen Sprechmelodie mit rollendem R und dialektal stimmhaften Konsonanten – B, D, S statt P, T, S – im Hörbuch »Ein Sommer, der bleibt« vom Dorf seiner Jugend erzählt, bleibt die Zeit stehen. Schon als Kind spürte er einen Lebensauftrag, der ihn bedrängte, vor sich hertrieb wie eine träg voranschwankende Kuhherde, die in den Stall zum Melken gehen soll. Er wollte die Zeit festhalten, die vergehende
Zeit(geschichte) in allen Details aufschreiben, damit nichts verloren geht von der Wirklichkeit. Das war seine Qual, sein 12-Bände-Projekt unter dem Motto »Das alte Jahrhundert«, abgesehen von Nebenbei-Büchern, geschrieben oder sprachgenial wie gedruckt erzählt.


Kurzecks mündliche Live-Literatur wurde auf einigen Hörbüchern gespeichert, ein poetischer Redestrom, Meisterwerke der anachronistischen Gattung Oral Literature. Kurzeck, der später in Frankfurt am Main und Uzès im Languedoc lebte, hat viele Fans, darunter mich, die bei seinem plötzlichen Tod 2013 von tiefer Trauer erfasst wurden.


Staufenberg, die Nachbardörfer und der von den Industriespuren der »Hütt«, der Buderus’schen Eisenwerke, gezeichnete, seiner Ländlichkeit beraubte Ort Lollar verdanken dem Werk Kurzecks, des hessischen Marcel Proust, unverhoffte Bekanntheit. Dabei stehen sie stellvertretend für weitere, erschwundene Dörfer. Die Staufenberger Welt, wie Kurzeck sie mit allen Sinnen wahrnahm und in seinem fotografischen Gedächtnis bewahrte, existiert nicht mehr. Man riss Häuser ab, »damit die Leute im vierten Gang durchfahren können und nicht herunterschalten müssen«. Früher stand man am Hoftor, jeder Passant blieb zu einem Schwätzchen stehen und man kannte alle Autos. Sonntagnachmittags 1953 ging man auf der jedem Mittelhessen vertrauten B 3 spazieren, »die manchmal stundenlang still inder Sonne lag«. Man zählte die Autos und verglich sie mit der Anzahl vom vorigen Sonntag.

 

Noch in seinen späten Jahren hörte Kurzeck die Geräusche seinerKindheit: »Uferschwalben, Lerchen, ein Hund bellt in der Ferne, eine Säge kreischt« und »wenn die Sensen gedengelt wurden, ein merkwürdiges Sommergeräusch, das hat man den ganzen Fluß entlang gehört«, im Herbst dann die Dreschmaschinen. Die Erinnerung umfasst auch das Gedächtnis der alten Leute seiner Kindheit, die »vor dem Franzosenkrieg«, also vor 1870, geboren wurden. Diese dachten nämlich an die B 3 als Allee zurück, »gepflastert in Blaubasaltsteinen«, auf denen ein besonderer Glanz lag.

 

Als Kind verbringt Kurzeck den Sommer an der Lahn, an Staufenbergs angestammter Badestelle, »auch mitten im Wald Richtung Marburg beim Schloss Friedelhausen, wo […] die Lahn sehr schnell fließt, sie beeilt sich, weil sie steile Ufer da hat«. Und »man weiß, dieser Sommer kommt nie zurück«. Staufenberg bildet den Ausgangspunkt seines Erzählens, selbst wenn Kurzeck in die Ferne schweift in dem Reisehörbuch Unerwartet Marseille. So wie alles aus Feder und Mund dieses Schriftstellers autobiografisch geprägt ist, so auch dieses Werk. Es enthält viel Komik, viel Hoffnung, gemeißelte Sätze,die man festhalten, nicht entschwinden lassen möchte. Besonders eindringlich ist eine Anekdote aus dem Sommer 1967, die der Live-Erzählung ihren Titel gab. Der 24-jährige Protagonist bringt an einem Wochenende Freunde nach Straßburg. Dann fährt er spontan weiter bis Marseille und muss nun telefonisch in der Firma seine Abwesenheit entschuldigen. Er kommt auf »die glorreiche Idee, ein Telegrammzu schicken, aber was schreibt man in so ein Telegramm?« Er schreibt »Unerwartet Marseille, Rückkehr verhindert« und rechnet eigentlich mit seiner fristlosen Entlassung, nimmt sie in Kauf. Er reist sogar weiter nach Arles und Saintes-Maries-de-la-Mer, wo er die ersten Hippies trifft, schmiedet Pläne für ein arbeitsfreies Leben. Bedauerlicherweise behält er den Job.

 

Diese Episode lässt sich als Vorbotin der Entscheidung für dieBerufs-Schriftstellerei deuten, die Kurzeck am 19. August 1971 trifft, einem magischen Datum, Geburtstag seiner verstorbenen Mutter. Zehn Jahre hat er »in der schlechtesten Zeit des Tages, abends, wenn du müde bist« geschrieben, bewusst nur für die Schublade. Diesmal schickt er kein Telegramm, sondern ruft an und erklärt, er werde nie mehr ins Büro kommen. »Seit ich fünf war, war die Zeit rationiert.« Er schreibt sein erstes Buch, jobbt stundenweise in einer Gießener Buchhandlung, durchlebt harte Zeiten, Armut, Hunger, wohnt zwischendurch in einer Abstellkammer.

 

Von 1988 bis 2013 erhält Peter Kurzeck 21 Literaturpreise und Stipendien. Der Büchner-Preis als höchste deutsche Literaturauszeichnungwäre ihm zu gönnen gewesen. Sein Lebenswerk bleibt unvollendet; seine Stimme jedoch murmelt weiter als Hintergrundmusik eines kollektiven Bewusstseinsstroms.

 

Staufenberg ernannte Peter Kurzeck zum Ehrenbürger, widmete ihm eine Plakette und eine Straße. Sein Grab liegt auf demFrankfurter Hauptfriedhof.

 

Erstveröffentlichung dieses Essays: Andrea Reidt: Lauschiges Lahntal. Vom Rothaargebirge bis zum Rhein. Meßkirch Gmeiner Verlag 2016.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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