Biografie, ein Spiel von William Boyd

 

William Boyd liebt die als Wirklichkeit getarnte Fiktion, man könnte es als sein Markenzeichen bezeichnen, gefälschte Biografien als echt erscheinen zu lassen. Noch dazu reißt er die Leser/innen im Trend-Genre Memoir mit einer Ich-Erzählung im Rückblick auf das bewegte, unangepasste Leben seiner Heldin mit. In dieser Kunst erweist Boyd sich als ein meisterhafter Regisseur, Formulierungskünstler, Geschichtenerzähler, der eine Abfolge von epochenprägend

en Ereignissen, Stimmungen und Sensationen des vergangenen Jahrhunderts auferstehen lässt. In seinem dickleibigen Roman "Die Fotografin" gelingt es ihm sprachvirtuos, psychologisch einfühlsam und in kraftvollem Tempo, die Eckpfeiler des 20. Jahrhunderts vom Ersten Weltkrieg bis zum Beginn der 1980er Jahre kaleidoskopartig als Revue auf einen virtuellen Laufsteg zu holen und vorüber gleiten zu lassen. Seine britische Figur Amory Clay, nacheinander Gesellschafts-, Mode-, Kriegs-Fotografin, später mit einem schottischen Lord verheiratete Lady Farr, geboren 1908, durch Freitod gestorben 1983, könnte kaum lebendiger hervortreten, hätte es sie wirklich gegeben. Ob Boyd die innerhalb der Romanhandlung authentischen Schwarz-Weiß-Fotografien, die das Buch illustrieren, wohl zuvor schon hatte, vielleicht auf Flohmärkten oder aus Nachlasskisten gekramt? Sie bilden ein (eigentlich überflüssiges) Surplus und passen zum Engländer Boyd, der schon in früheren Romanen Spaß an Verwirrspielen hatte. Im Nachabsatz offenbart er seine Vorbilder für Amory Clay: Lee Miller, Martha Gellhorn, Dora Kallmus alias Madame d'Ora und viele weitere Fotografinnen und Reporterinnen des 20. Jahrhunderts. Der etwas kitschig geratene Schutzumschlag täuscht vielleicht darüber hinweg, dass dieser unterhaltsame Roman auch einen ernsthaften literarischen Anspruch erfüllt. Unbedingt lesenswert! William Boyd: Die Fotografin. 558 Seiten.  Gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen. Berlin Verlag 2015. 24 Euro (als eBook 19,99 Euro).

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