Tiefer Treppensturz: Vom Wiener Wohlstand in den Selbstversorger-Wald

Doris Knechts scharfer Verstand seziert nicht nur in ihren kurzweilig pointierten Zeitungs-Kolumnen unser aller widersprüchlichen Mittelstands-Alltag zwischen Moral und Medien, Eigennutz und Eigenbild, Treiben und Taten. Angesichts ihres neuen Romans "Wald" waren ihre vorherigen Romane "Gruber geht" und "Besser", viel gelobt, verfilmt und offenbar gern gelesen, nur Schreibübungen. "Wald": ein Schlag mit dem Anti-Weinerlichkeits-Hammer in die Magengrube der Wohlfühlgesellschaft. Es ist die Geschichte des ökonomischen und gesellschaftlichen Absturzes der einst erfolgreichen Modedesignerin Marian Malin aus einem Wiener Milieu "gehobene Mittelklasse" in die sozial tiefsten Niederungen einer Selbstversorger-Existenz am Rande eines Dorfes, dessen Einwohner nicht gerade auf eine gestrauchelte Stadtpflanze gewartet hatten. Die Geschichte einer Frau, die nun statt in teuren Boutiquen und schicken Salons zu verkehren, im eigenen Atelier zu wirken und das Leben als einzige Show zu genießen, am Rande der Prostitution und der Diebstahlkriminalität darauf angewiesen ist, gegen Naturalien Sex zu bieten. Die nun entwürdigt, zur kostenlose Untermiete im Haus ihrer von ihr vernachlässigten Tochter wohnt. Dabei, und das entwickelt sich ganz langsam, fast beiläufig, findet sie einen (endlich) bodenständigen, verlässlichen Mann, "nicht gut aussehend und nicht abstoßend", zumindest für die nahe Zukunft. Das klingt oberflächlich nach eine Rosamunde-Pilcher-Geschichte. Ist es aber nicht. Nur "mein Kerl, irgendwie", immerhin eine "Beziehung". Es gelingt Doris Knecht, tiefe und tiefste biografische und psychologische Abgründe ihrer Protagonistin auszuloten, ans Licht zu zerren, zu zertreten - und ein wenig zur Heilung verkrusteter Wunden beizutragen. Doris Knecht hat eine besondere Begabung, das erfuhren schon die Leser ihrer ersten Romane, unsere Wirklichkeit mit alle ihren Schöne-Dinge-Details - ich kaufe, ich gestalte, ich richte ein, ich lebe mit schönen Dingen, also bin ich - durch Aufzählung zu verschatten. "... auf Flohmärkten vertrödelte Tage ... Dielen aus weißer Tanne ... Vintage-Armaturen ... Prosecco, überall und jederzeit ... Therapeuten ... Seidenhöschen, Spitzen-BHs, elegantes Sex-Spielzeug ... Serien, aus dem Internet geladen ... Tiegel mit teuren Cremes ...". Und nun das: "Gibt es Hendl, die Eier legen, und die man später auch essen kann?" Dazwischen liegt ein weiter Weg. Doris Knecht zeigt ihn uns. Großartig! Doris Knecht: Wald. Roman. Rowohlt Berlin 2015. 19,95 Euro. Als Taschenbuch (ab Juni 2016) 9,99 Euro. Als Hörbuch-CD 19,99 Euro, Download 14,59 Euro. Als eBook 16,99 Euro.

 

 

 

 

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