Vom bittersüßen Leben auf dem Lande

Es gilt als anstössig, in einer Buchkritik einen (anderen) Literaturkritiker zu zitieren. Dennoch möchte ich den (ich gebe es zu) von mir bewunderten Buch-TV-Entertainer Denis Scheck in seinem Plädoyer für die lohnende Lektüre des Romans  "Unterleuten" von Juli Zeh zitieren: "Genauso sieht sie aus: Die Wahrheit großer Literatur." Er bezieht sich mit der Bemerkung auf ein Zitat aus dem Roman: "Es gibt keine Wahrheit, es gibt nur Perspektiven." In der Tat öffnet dieses literarische Panorama einer brandenburgischen Dorfsoziologie Einblicke in viele, speziell von der deutschen Geschichte geprägte Lebensperspektiven und Lebensentwürfe. Alle Romanhelden verfolgen ihr ureigenes Ding, wenn es sein muss mit Gewalt, üblen Tricks, zweifelhaften Management-Strategien, Anleihen aus der Pferdepsychologie. Das gilt für die Alteingesessenen, ebenso für die Berliner Landflüchtigen, für die Ossis und die Wessis, für die Ex-LPG-Landarbeiter und den ursprünglichen Gutserben, den Alt-Kommunisten und den Neukapitalisten, die Tierschützer und die Tierschlachter, den Kleingärtner und die Pferdezüchterin, die Investoren, die Blutsfeinde, die enttäuschte Ehefrau, die vernachlässigte Geliebte, die schweigenden Töchter, die muffigen Väter, den kriminellen Autobastler - überhaupt für alle.

 

Die Dorfbewohner wähnen sich aus den unterschiedlichsten Beweggründen in einer autonomen Lebenswelt, unberührt und unabhängig von der Politik der Berliner Republik. Juli Zeh bringt dieses Lebensgefühl auf den Punkt: "Hätte man die Beziehungsfäden sichtbar machen können, die zwischen den Anwesenden hin und her liefen, wäre für die Uneingeweihten ein undurchschaubares Knäuel zum Vorschein gekommen." Ein Mann, die Autorin nennt ihn den "Chronisten", erkennt darin ein "logisches System": "Verwandtschaft, Bekanntschaft, Nachbarschaft, Freundschaft, Feindschaft. Liebe, Hass, Schuld, Neid, Abhängigkeit." Wer auf dem Land aufgewachsen ist oder länger gelebt hat oder selbst einmal auf der Flucht vor der "urbanen Welt" war, versteht genau, was gemeint ist. Zu diesem System gehören die geldlosen Tauschgeschäfte, die Gefallen, die man sich tut und über Jahrzehnte als Schuldschein im Gedächtnis für den Tag X der Einlösung hortet. Man hilft sich gegenseitig, sorgt für ein funktionierendes (was nicht heißt harmonisches) soziales Gleichgewicht und hält selbst bei größeren Ausschreitungen die Polizei auf Abstand. Jedenfalls so lange, bis die Politik und die Wirtschaft wie eine Sturmbö unangekündigt über die Idylle hineinbricht, in Form eines aggressiv werbenden Windkraftunternehmers, der zwecks Einschüchterung mit Berliner Genehmigungen wedelt.

 

Eine Kritikerin meinte, Juli Zeh arbeite ihre Charaktere nicht tief genug heraus, auch beklagt sie den konventionellen Erzählstil. Warum sehe ich dann diese Protagonisten als prototypische, real existierende Gestalten in ihrem jeweiligen Rollenfach vor mir? Warum kann ich das Buch nicht beiseite legen, bis ich die 635 Seiten durch habe? (Okay, Letzteres ist kein Qualitätskriterium.)

 

Die junge Mutter Jule versucht am Ende des Romans, in ihrer Doktorarbeit eine "moderne Soziologie des Ruralen" zu entwickeln. Juli Zeh selbst lebt seit Jahren nicht mehr in Leipzig, sondern hat sich mit Familie in einem brandenburgischen Dorf niedergelassen. Es gelang ihr mit diesem Roman etwas viel Besseres als eine (weitere) Doktorarbeit (sie ist als Juristin längst promoviert): einen großartigen deutschen Gesellschaftsroman, in anthrazitfarbenen Humor getränkt, so treffend wie erstickend witzig, erschreckend ehrlich. Vielleicht hat sie sich damit eine Chance auf den Deutschen Buchpreis 2016 erschrieben. Juli Zeh: Unterleuten. Roman. 640 Seiten. München (Luchterhand Literaturverlag) 2016. Als gebundenes Buch 24,99 Euro, als eBook 19,99 Euro, als MP3-Hörbuch-Download 15,29 Euro, als CD-Hörbuch 24,99 Euro.

 

 

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