ETA-Drama im baskischen Dorf

 Gora Euskadi askatuta! Es lebe das freie Baskenland! Gora ETA! Hoch lebe die ETA! Mit diesen Kampf- und Demonstrationsrufen terrorisierte die baskische Untergrundorganisation ETA ein halbes Jahrhundert lang die spanische Öffentlichkeit, ermordete mehr als 800 Menschen aus Politik und Gesellschaft. Wenn die ETA - Kürzel für Euskadi Ta Askatasuna, das bedeutet Baskenland und Freiheit - zwischen 1959 und 2009 in den Medien genannt wurde, waren dies meist schlechte Nachrichten über Autobomben und Morde auf offener Straße. Was dabei oft übersehen wurde: dass das spanische und französische Baskenland (inklusive des spanischen Navarra) selbst politisch gespalten war, und dass auch alteingesessene Euskadun (baskisch sprechende Personen) ins Fadenkreuz des Terrors gerieten und zu Opfern von Todesschützen wurden. Hinzu kommt der systempolitische Aspekt, den Fernando Aramburu in seinem Roman Patria ins Visier nimmt: Dass die Aufständischen nicht nur um nationale Selbstständigkeit, sondern um eine nach sozialistisch-kommunistischen Prinzipien organisierte Zukunft kämpfen und deshalb baskische "Kapitalisten" aus der eigenen Patria sterben mussten.

 

Ausgespart wird auch nicht die unsägliche Rolle katholischer Priester im Baskenland, von denen einige die Gewalttaten nicht nur per Ego te absolvo im Beichtstuhl entschuldigten, sondern aktiv unterstützten und die verzweifelten Angehörigen von Opfern brüskierten.  Die zweifelhafte Rolle der Exekutive, des Staates, der mit Folter, Einzelhaft, Unterbringung von Häftlingen in weit von den Familien entfernten Gefängnissen, kommt in diesem Roman ebenso ans Licht wie die ausweglose Situation von Jugendlichen, die sich absondern und von ETA-Aktionen fernhalten möchten. Sie werden gemobbt, von den eigenen Eltern in die Konformität gedrängt, die uns als deutsche Leser an Hitlerjugend- und FDJ-Praxis erinnert.

 

Der Roman "Patria" (in der Doppelbedeutung Vaterland und Heimat) des seit mehr als 30 Jahren in Deutschland lebenden Basken Fernando Aramburo handelt vom Schmerz der Familien der Attentäter und der Ermordeten. Der Erzähler berichtet aus der Perspektive von neun Personen aus zwei Familien, alle aus einem baskischen Dorf stammend, Nachbarn, ursprünglich eng miteinander befreundet, dann lebenslang verfeindet. Es geht um Täter, Mitläufer, Provokateure, um Opfer, Überlebende, Nachkommen, um Vergessen, Verzeihen und Verbitterung. Hat der ETA-Aktivist Joxe Mari, Sohn der fanatischen Nationalistin Miren, den Mann von Bittori ermordet oder war es jemand anderes? Diese Frage treibt die Witwe des Transportunternehmers Txato nach Jahrzehnten noch um und veranlasst sie, im Alter aus dem städtischen Schutz von San Sebastian in ihr Dorf zurückzukehren. Ähnlich wie im "Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt beunruhigt allein ihre Anwesenheit, ihre Geranie auf dem Balkon als Zeichen der Präsenz, die Dorfbewohner aufs Äußerste. Bittori sucht nicht Rache, sondern Reue. Ob sie findet, was sie braucht, um ihr Leben in Frieden abzuschließen?  Beim Vater des Terroristen, beim Häftling und Mittäter selbst, bei seiner Schwester, seinem Bruder, der wütenden Mutter? 

 

Aramburu gelang ein großer, erster Wurf der literarischen Aufarbeitung eines gesellschaftlichen Risses im Baskenland und in Navarra, der noch lange gären wird, auch wenn die ETA 2011 Waffenstillstand gelobte und 2017, dem Jahr des Erscheinens von "Patria", ihre letzten Waffen abgeliefert hat. In Spanien ist der Roman ein Bestseller, in der deutschen Übersetzung leiht die Vorleserin Eva Mattes den Figuren ihre unvergleichlich variationsreiche Stimme.

 

Fernando Aramburu: Patria. Roman. Aus dem Spanischen von Wille Zurbrüggen. Hardcover /Rowohlt. 25 Euro. Hörbuch: Gelesen von Eva Mattes, 16 Stunden Laufzeit /argon edition. 29.95 Euro.

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